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Lehrausbildung vom Zunftwesen der Wirtschaftskammmer befreien!

02.09.2009 | 2 Kommentare

Die Diskussionen über die Bildungsreform sind ideolgisch und akademisch überfrachtet und lässt die wichtige Lehrlingsausbildung außen vor. Eine Bildungsreform, die den Namen Reform verdient, muss sich endlich auch der Lehrlingsausbildung annehmen.Das Motto muss lauten Zukunft statt Zunft!

Die derzeitige Lage ist in Vorarlberg katastrophös. Die Wirtschaftskammer kommt in ihrer zünftlerischen Politik der Verpflichtung nicht nach, ihre Klein- und Mittelbetriebe bei der Lehrlingsausbildung zu unterstützen. Die lehrausbildenden Betriebe werden von der Wirtschaftskammer mit ihren Sorgen und Nöten allein gelassen. Sie erbringt nicht die notwendige Assistenzleistung.

Das zeigt sich schon daran, dass dreimal soviele Lehrlinge in der Praxisprüfung als im Theorieteil durchfallen. Wären die Lehrlinge tatsächlich so dumm, wie sie die Vorarlberger Lehrlingsausbildung zu machen sucht, dann würden sie ja im Theorieteil durchfallen. Die ganzen Jahre hat man nur vom “Blumbonus” gesprochen, eine Förderung der Großbetriebe als Vorzeigebetriebe und keine Förderung der Klein- und Mittelbetriebe und der Lehrlinge. Diese Politik ist mindestens so verantwortlich für die hohe Zuwachsrate der Arbeitslosigkeit in Vorarlberg wie die Wirtschaftskrise.

Die zünftlerische Lehrlingsausbildung führt dazu, dass man sich die zukünftige Konkurrenz bereits auf Wirtschaftskammerseite fernhält. Zu der schlechten Prüfungsquote kommt nun auch schon ein Jahrzehnt als Folge die schlechten Betriebsgründungszahlen. Das muss man sich auf der “alemannischen” Zunge zergehen lassen: Bei der Betriebsgründungsintensität im vergangenen Jahr (2008) führt Wien mit einem Wert von 9,65 Prozent die Rangliste an. Schlusslicht ist wieder
- wie die Jahre zuvor - Vorarlberg mit 5,75 Prozent.

Die Lehrlingsausbildung ist daher zuerst aus dem Zunftwesen zu befreien und endlich in fachlich befähigte Hände zu geben, wo Zukunft statt Zunft praktiziert wird.

Den Bildungsauftrag konsequent auf die Schlüssel- und Mindestkompetenzen auszurichten. Integraler Bestandteil einer neuen Berufsbildung fern der zünftlerischen Wirtschaftskammer muss dabei auch ein elementares Wissenschafts- und Technikverständnis und Fremdsprachenbefähigung sein. Die Ausbildungszeiten sind flexibler zu gestalten und das nichtschulische informelle Lernen muss höher gewichtet werden und in die Berechtigungen einfließen. Eine Lehrabschlussprüfung in der heutigen Form ist in der modernen Gesellschaft ein Relikt aus dem Zunftwesen. Umfassende informationstechnologische Grundlagen gehören ebenso zum Kernauftrag der Lehrlingsausbildung, wie die entsprechende Ausbildung der Lehrkräfte. Nach abgeschlossener Lehre muss den Lehrlingen auch der Zugang zu Hochschulen wie den Abgängern der Mittelschulen offen stehen, wie das im Saarland bereits möglich ist.

Das ist die traurige Vorarlberger Realität für die Eltern und
Jugendlichen:

1. Die Lehrlingsausbildung lässt jedes Jahr an die 20 % der Lehrlinge in Vorarlberg durchfallen. Fast 40 Jahre ist das in den Statistiken zurückverfolgbar, ohne dass das jemand bemerkt haben will.

2. Besonders gute Ergebnisse erreicht man in den letzten 40 Jahren in Vorarlberg nie! Nur zweimal erreichte man seit 1970 eine Lehrabschlussquote, die zwar noch nicht gut, jedoch geringfügig über dem Bundesdurchschnitt lag.

3. Faktisch bedeutet dies, dass alle 5 Jahre ein ganzer Lehrlingsjahrgang durchgefallen ist (Die Größe: Im Jahr 2008 wurden
2.555 Lehrverträge im 1. Lehrjahr abgeschlossen). Deshalb hat Vorarlberg auch am meisten Arbeitnehmer die nur einen Pflichtschulabschluss vorweisen können. Das Arbeitslosigkeitsrisiko dieser alleingelassenen Menschen ist statistisch genau erfasst, es ist mehr als doppelt so hoch wie bei erfolgreicher Lehre.

4. Für die Lehrlingausbildung gibt es je eine Lehrlingsstelle bei der
Arbeiter- und bei der Wirtschaftskammer. Dort hat man diese Entwicklung fahrlässig verschlafen. Warum hat man 40 Jahre lang nie gegengesteuert?

5. Aber auch die Politik hat sich diese 40 Jahre lang nicht der Lehrlinge angenommen, ja es wird heute noch behauptet, die Lehrausbildung in Vorarlberg sei ein Erfolgsmodell. In der Landesregierung, in den Parteien und auch den freiwilligen Interessenvertretungen hätte das auffallen müssen. Keine der vier Parteien hat dies jemals aufgezeigt! Ganz im Gegenteil hat man Eltern und Jugend wissentlich buchstäblich getäuscht.

6. 50,4 Prozent der Jugendlichen haben sich 2008 für eine Lehre entschieden, 62,8% der Burschen, und 37,4 % der Mädchen. Vorarlberg ist damit weiterhin das Bundesland mit der höchsten Lehrlingsquote 6,2 % am Bundesantieil bei 4,4 % Bevölkerungsanteil in Österreich.
Österreichweit und international bewegt sich der Lehrlingsanteil um die 40 Prozent.

7. Das ist ausdrücklich kein Erfolg, denn er liegt weit zu hoch und entsteht dadurch, dass man der Vorarlberger Jugend den Zugang zu Schulen mit Vorsatz verweigert. Vorarlberg hat den geringsten Anteil an Akademikern, Maturanten, Schülern:
Schülerverteilung:
Berufschulen (Lehrlinge) Vorarlberg 47,2 % / Österreich nur 39,6 %; !
BMS, BHS + AHS Vorarlberg nur 52,8 % / Österreich jedoch 60,4 %!

8. Vorarlberg hat 8 Prozentpunkte Unterschied zwischen Lehrlingen und Schülern. Da damit Jugendliche die durchaus auch eine Schule absolvieren könnten in die Lehre gedrängt werden, ist der Schluss zulässig, dass Vorarlberg die bessere Ausgangsbasis für einen erfolgreichen Lehrabschluss hätte. Doch leider ist das Gegenteil wahr.

9. Trotz des hohen Grades an Lehrlingsbeschäftigung kommen die MigrantInnen darin so gut wie nicht vor. 95 Prozent der Lehrlinge haben österreichische und deutsche Staatsbürgerschaft. Die migrantischen Lehrlinge sind daher auch kein Grund für die hohe Durchfallerquote.

10. Das Vorarlberger Lehrlingssystem ist frauenfeindlich. Die Folge, dass fast zwei Drittel der männlichen Jugend eines Jahrganges in die Lehre statt auch in die Schule gedrängt werden bedeutet, dass die Mädchen keine geeigneten Lehrstelle bekommen, weil sie von einem Überangebot an Jungen konkurrenziert werden, außer in den klassischen Frauenberufen. Die Hälfte aller weiblichen Lehrlinge werden in drei, 70 Prozent in nur zehn “weiblichen” Lehrberufen ausgebildet. Die Hälfte der weiblichen Lehrlinge muss einen Beruf im Einzelhandel, Büro oder als Friseurin erlernen! Bei den männlichen Lehrlingen hingegen finden sich nicht einmal die Hälfte der Lehrlinge in den zehn häufigsten “männlichen” Lehrberufen. Sie haben weit mehr Chancen zu ihrem “Traumberuf” zu kommen und haben vergleichsweise ein vielfältigereres Angebot.

Euer Bernhard

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2 Kommentare

  1. hermanndrumer

    Du hast in vielem Recht. Aber wir haben nicht immer die besten Schulabgänger als Lehrlinge. Einige können nicht richtig lesen und schreiben, manche erlernen nicht den Beruf den sie möchten, sondern den der gerade möglich ist.Schau einmal in unseren Betrieb, es ist nicht ganz so wie Du das siehst.
    Gruss Hermann

  2. mummy2

    Diese widersinnige Vorselektion beginnt bereits in Der Volksschule – die viel zu früh (was mittlerweile unzählige empirische Studien belegen) eine hochgradig selektive Trennung der Schüler erzwingt. Daran ändert auch die neueste Mogelpackung der Vorarlberger Bildungspolitik, die „neue Mittelschule“ nichts.
    Die Trennung wird durch die vorgegebenen festbetonierten Strukturen ständig reproduziert und scheint kaum einen Ausweg aus dem Sackgassencharakter zu bieten.
    Vielleicht wäre doch ein Blick über die hohen Berge angebracht, um zu sehen wie andere Länder mit dieser Problematik umgehen? Ohne den Druck dabei ganze Konzepte übernehmen zu müssen, wäre es doch überlegenswert die Schritte in eine offene und modernere Orientierung zu richten als dies seit vielen Jahren passiert – oder besser nicht passiert.
    Die Lehrausbildung in dieser veralteten Form entspricht nicht dem unabdingbaren Weg des lebenslangen Lernens in einem sich ständig verändernden Kontext der Beruflichkeit. Gerade das berufliche Ausbildungssystem bietet ein Potential das in seiner Vielfalt zum Ausdruck kommt. Genau diese Wege der Pluralität konstruktiv zu fördern in dem neue Ausbildungswege als die bisherige Lehrausbildung beschritten werden ist die Herausforderung der Zukunft. Ein Wettbewerb der Systeme kann sich hier nur konstruktiv auswirken – ein System das sich alleine auf Tradition beruft, scheint dabei nicht das geeignete Instrument der Zukunft zu sein.

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