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Die Verantwortung der Kultur!

28.12.2011 | Keine Kommentare

In den späten 60er Jahren entstanden in Vorarlberg die ersten Jugend- und Kulturinitiativen, welche sich bis in die frühren 80er Jahre auf ganz Vorarlberg erstreckten. Vom Montafon bis in den Bregenzerwald organisierten sich an die 20 Jugend- und Kulturinitiativen. Die Forderung war die Bereitstellung von Freiräumen, in denen sie unter Selbstbestimmung, Selbstorganisation und Selbstverwaltung ihre freie Zeit nach ihren Vorstellungen selbst gestalten können. Den Exponenten und Exponentinnen ging es damals nicht um die Erlernung von Kulturen, sondern um das loslassen von Mustern der Vergangenheit. Maximale Gestaltungsfreiheit war eine Grundforderung. Dies betraf nicht nur den kulturellen Aspekt, sondern den Umbau der Gesellschaft in Richtung Selbstermächtigung. Subversiv und gegen das stockkonservative Establishment lautete die Devise. Der Kulturbegriff wurde auf alle Bereiche des Lebens ausgeweitet und so entstand ein gesamtgesellschaftlicher Diskurs. Wie gehen wir mit „von oben“ marginalisierten Menschen um? Die Stichworte u.a. dabei: Strafvollzug, Psychiatrie, Drogenpolitik, Medien, Obdachlosigkeit, Armut, Macht und Ohnmacht, um nur einige zu nennen. Die Bühne beschränkte sich nicht nur auf Spielstätten, sondern aus unserer Sicht haben wir ganz Vorarlberg zur Bühne erklärt. Eine hervorstechende Eigenschaft war die Diversität der einzelnen Initiativgruppen. Nicht nur vom Namen, auch von der programmatische Schiene und den inhaltlichen Schwerpunkten ihrer eigenen Aktivitäten haben sie sich unterschieden. Gemeinsam war die Organisation in flachen Hierarchien, der Widerstand gegen starre und lebensfeindliche Strukturen, Empowerment und das Engagement für geistige und räumliche Freiheit.

Diese Kultur- und Sozialbewegung erreichte Mitte der 80er Jahre ihren Höhepunkt und dies trotz Restriktionen und Liebesentzug (auf gut vorarlbergerisch = Subventionsentzug) durch die offiziellen Stellen. Dieser Kampf forderte in der Folge auch seinen Tribut. Ein Großteil der Engagierten emigrierte in andere Städte, da sie dort mehr Nischen für ihre Lebensentwürfe vorfanden.

Mit der zunehmenden Professionalisierung der Organisationen im Jugend-, Sozial- und Kulturbereich sind aktuell wichtige Eckpfeiler wie die gesellschaftspolitische Teilhabe möglichst vieler aktiver Menschen vor Ort weitgehend verschwunden. GesmbHs´ lösten vielfach die Vereinsstrukturen ab, sodass die Verantwortung an eine Geschäftsführung übertragen wurde. Flache Hierarchien sind nur noch vereinzelt zu finden. Der Unterschied zu den damals stark kritisierten traditionellen Kultur- und Kunstinstitutionen sind nur noch marginal. Was gleichfalls schwer wiegt, ist der Verlust soziokultureller Aktivitäten „von unten“.

Parallel entstanden u.a. durch Touristiker und Marketingexperten massenkultureller Kommerz und Konsum. Gerade sie sind es, welche durch ihre Events der widerständischen Kunst und Kultur ihren oppositionellen Charakter raubten. Einfalt statt Vielfalt steht nun im Focus. Und die Förderungen flossen. Nicht nur aus Kultur-, sondern auch aus Wirtschaftsressorts.

Eine Kulturentwicklung setzt topografische und mentale Freiräume voraus, in denen die Akteure ihre berechtigten Bedürfnisse realisieren können. Andererseits werden öffentliche Räume von den Kommunen sukzessive zu Verbotszonen erklärt und natürlich entsprechend überwacht. Diese Enteignung verunmöglicht eine kulturelle Betätigung. Sicherheitspolitische Erwägungen und „Befriedungsmaßnahmen“ zählen mehr als soziokulturelle Betätigung.
Die Rasterung und Strukturierung der Menschen erfolgt praktisch in allen Bereichen des Lebens mit dem Ergebnis, dass ein Teil davon der „Überbravung“ unterliegt und der andere Teil resigniert und sich in die Privatsphäre zurückzieht. Die Disziplinierung erfolgt auch über Veranstaltungsverbote. Im Sommer wurden von der Landessicherheitsdirektion sämtliche Events der „Psychadelic – Art“ vorarlbergweit indirekt verboten, in dem die betroffenen Kommunen angehalten worden sind, solche Events nicht zuzulassen.

Trotz meiner kritischen Haltung haben Kulturschaffende und Kulturveranstalter die Kompetenz, diesen negativen Entwicklungen entgegenzusteuern mit dem Ziel, eine emanzipatorische offene Bürger- und Bürgerinnengesellschaft anzustreben.

Ausgehend von künstlerischen und kulturellen Aktivitäten gehe ich von einem erweiterten Kulturbegriff aus, die u.a. einschließen:
- Radikale Transparenz
- Partizipative Demokratie
- Konfliktuelle Demokratie
- Selbstorganisation
- Selbstermächtigung – Betroffenenkompetenz
- Selbstbestimmung
- Soziokulturelle Vielfalt in den Medien, Forschung, Lehre, Bildung
- Rückeroberung der öffentlichen Räume
- Sichtbarmachung von Asymmetrien
- Die Hegemonialisierung dieser Positionen

Gerade in einer Zeit des Zusammenbruchs sozialer, finanzieller und politischer Systeme kommt daher der Kulturarbeit eine besondere Verantwortung zu. Sie hat aufgrund ihres Wissens und ihrer Ressourcen das Potential, zum Umbau des Gesellschaftssystems beizutragen.

Euer Bernhard

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